An ihrem Branchenforum nimmt die SRG regelmässig den Technologiewandel unter die Lupe, beleuchtet Trends und stellt Innovationen aus der Medienwelt vor.

Am Montag rückte sie in Zürich die digitale Radiomigration, DAB+ und HbbTV ins Zentrum.





Am SRG-Branchenforum Digitale Radiomigration (von links
nach rechts): Salar Bahrampoori, SRF, Roberto Moro, SRG-
Fachspezialist Media Access

Kürzlich ging in der Schweiz der dreimillionste DAB+ Empfänger über den Ladentisch. Ein weiterer Meilenstein auf dem Weg von UKW zu DAB+ ist erreicht. Das gibt Anlass zur Freude, zumal die gesamte Radiobranche seit Jahren über den digitalen Radiostandard aufklärt.

Umstieg auf DAB+ rückt näher

Dass die Drei-Millionen-Marke geknackt wurde, darüber informierten Nora Müller und Chris Morgan von der Agentur Republica, die im Auftrag des Bundes aktuell die DAB+ Kommunikationskampagne «Radio zieht um auf DAB+» führt. Die momentane Revision der Radio- und Fernsehverordnung (RTVV) schafft die Rechtsgrundlagen, die einen baldigen Umstieg von Analog- auf Digitalradio möglich machen. DAB+ wird gemäss dem RTVV-Entwurf ab 2020 zur bevorzugten Verbreitungsart für Radio.

Appell an Radioverkäufer

Doch ein Wermutstropfen trübt den Erfolg: Rund ein Drittel der neu verkauften Radiogeräte sind noch immer einzig mit einem UKW-Empfänger ausgerüstet, können also keine DAB+ oder Internet-Radioprogramme empfangen. Spätestens Ende 2024 werden sie deshalb nutzlos sein. Denn die Radiobranche, die seit 2013 zusammen mit dem Bundesamt für Kommunikation (Bakom) die Arbeitsgruppe «Digitale Migration» (DigiMig) bildet, bekräftigte am Branchenforum ihren bisherigen Fahrplan. Spätestens Ende 2024 soll der letzte UKW-Sender stillgelegt werden. So stellte Marco Derighetti, Direktor Operationen bei der SRG, zu Recht die Frage in den Raum: «Ist es fair, heute noch UKW-only-Geräte zu verkaufen?» Alle gängigen DAB+ Radios bieten nämlich auch UKW-Empfang.

Heimische Radionutzung bewahren

DigiMig-Präsident Philippe Zahno bezeichnete die UKW-Verbreitung in der heutigen Zeit als «letzte Dampfmaschine» und rief den Anwesenden die vielen Vorteile von DAB+ in Erinnerung: vom intensiveren Hörgenuss über die einfache Bedienung bis hin zu Kosten- und Energieeinsparungen. Gleichzeitig forderte er dazu auf, allen Schweizer Radios Sorge zu tragen. Denn der Konsum von ausländischen Programmen ist beim Medium Radio noch immer nur halb so gross wie derjenige beim Medium Fernsehen. Und das soll – im Sinne aller Schweizer Radioveranstalter – dank DAB+ auch so bleiben.

SRG trifft Umzugsvorbereitungen

Die rund hundert Vertreter von Kabelnetzbetreibern, Geräteherstellern, Telekom- und Onlineunternehmen erfuhren am Forum weitere positive DAB+ News: Die SRG wird ab Ende 2019 für den Umzug von UKW auf DAB+ bereit sein. Um eine möglichst hohe Empfangsqualität bieten zu können, startete sie eine Grossoffensive beim DAB+ Netzausbau, wie Roberto Moro, SRG-Fachspezialist Media Access, ausführte. Rund achtzig Prozent der bestehenden Sendeanlagen werden verbessert, 88 neue erstellt. Dereinst werden über die DAB+ Netze der SRG 99,6 Prozent der Schweizer Bevölkerung erreicht.

Private ziehen mit

Auch René Burger, CTO bei SwissMediaCast (SMC), dem grössten privaten DAB+ Netzbetreiber der Schweiz, wusste Erfreuliches zu berichten: alle fünf SMC-Netze werden weiter ausgebaut. Allein bis Ende Jahr kommen fünfzig neue Sendeanlagen hinzu. Und ein sechstes Netz ist bereits beim Bakom beantragt. Denn die SMC-Netze sind bis auf den letzten Sendeplatz ausgebucht; die Nachfrage von Radioveranstaltern nach DAB+ Verbreitung ihrer Programme scheint ungebrochen.

Strassentunnel auf Kurs

Schliesslich schreitet auch die Ausrüstung von 250 Strassentunnel mit DAB+ voran, wenn auch zaghaft. Das liegt jedoch nicht am Bundesamt für Strassen (ASTRA), das dafür zuständig ist. Der Gründe gibt es viele. Marcel Berner vom ASTRA klärte darüber auf: Dass in den meisten der dafür vorgesehenen Tunnel erst Ende 2018 DAB+ Programme gehört werden können, liegt auch daran, dass sich das ASTRA als Bundesbetrieb an die Verordnung über öffentliche Beschaffungswesen (VöB) halten muss. Das bedeutet: WTO-Ausschreibungen. Und solche brauchen viel Zeit. Dazu kommen weitere Vorgaben und der Bauaufwand inklusive Tunnelsperrungen, die in der Bevölkerung nicht gerade beliebt sind.

DAB+ cable als Weltneuheit

Mit einer DAB+ Innovation wartete UPC-Vertreter Marco Siegrist am Branchenforum auf. UPC erweitert den DAB+ Standard um einen neuen Frequenzbereich (ab 250 MHz) und hat dadurch generell mehr Upload-Geschwindigkeit zur Verfügung. DAB+ Geräte verfügen bereits heute über einen Tuner, der über 250 MHz hinaus funktioniert. Allerdings müssen die Geräte für diese höheren Frequenzen freigeschaltet werden.

UPC ist weltweit das erste Unternehmen, das einen solchen Kabelstandard anbietet und auch anderen Netzbetreibern zur Verfügung stellt. Im November 2016 testete UPC das neue DAB+ cable in einem Pilotprojekt in der Region Luzern. Bei rund 1200 Kunden wurde das UKW-Radioangebot abgeschaltet und mit DAB+ cable mit rund siebzig Radioprogrammen ersetzt. Das Ergebnis: keine technischen Probleme und vor allem kein einziges negatives Kundenfeedback. Das lässt aufhorchen.

Relaunch von HbbTV

Die SRG hat ihr HbbTV-Angebot vollständig überarbeitet und ausgebaut. Tests mit Nutzerinnen und Nutzern mündeten in kleine und grössere Verbesserungen. Referent Martin Spycher, SRG-Fachspezialist für Multimedia, führte ein Beispiel an: Bis anhin wurde der Hinweis auf den «Red Button» immer eingeblendet, wenn ein SRG-Programm angewählt wurde. Jetzt erscheint der Einblender nur noch, wenn er auf einen neuen HbbTV-Inhalt aufmerksam macht.

HbbTV soll bei der SRG dereinst nicht einfach nur den Teletext ersetzen, sondern den neuen Gewohnheiten des Fernsehpublikums gerecht werden. Kurz: die vielfältigen Möglichkeiten nicht nur auf mobilen Geräten oder Second Screens offerieren, sondern auch auf Grossbildschirmen. Ein beliebtes Beispiel: Oft laufen interessante Sportanlässe zeitgleich. Solche können neu in zusätzlichen Livestreams über HbbTV parallel konsumiert werden.

Serviceleistung erhöht

Einen besseren Service bietet das neue SRG-HbbTV-Angebot sinnesbehinderten TV-Zuschauerinnen und -Zuschauern, das gezielt auch dafür weiterentwickelt wurde. So ist es etwa neu möglich, Untertitel eigenhändig zu konfigurieren, deren Schriftgrösse zu verändern oder sie freizustellen, damit sich deren Lesbarkeit erhöht. Und Untertitel sind jetzt auch für On-Demand-Videos verfügbar. Weiter können neu Videos mit Gebärdensprache abgerufen werden.

«Die SRG ist Treiber von modernen Technologien und Services»

Marco Derighetti, Direktor Operationen SRG, ist Initiant des SRG-Branchenforums. Im Interview zeigt er auf, weshalb sich die SRG regelmässig mit der Technologiebranche austauscht und vernetzt.

Interview: Brigitte Maurer 
Wann nimmt die SRG das erste Radioprogramm vom UKW-Netz?

Marco Derighetti: Das können wir noch nicht sagen, weil die SRG den Umstieg von UKW auf DAB+ mit der Arbeitsgruppe «Digitale Migration» (AG DigiMig) abstimmt. Wir wissen, dass er zwischen 2020 und 2024 stattfinden wird. Ziel ist es, dass die Radiobranche diesen Wechsel gemeinsam und koordiniert gestaltet.

Woran orientiert sich die AG DigiMig?

Wir schauen auf Norwegen und beobachten die Entwicklung dort sehr genau. Norwegen hat anfangs 2017 mit der Stilllegung der ersten UKW-Sender begonnen. Wann die Schweiz damit startet, hängt in erster Linie von den Hörgewohnheiten ab. Dabei setzen wir auf eine sinnvolle Reihenfolge: Nachdem wir nun unsere UKW-Programme auch auf DAB+ anbieten, wollen wir die Hörerinnen und Hörer davon überzeugen, jetzt auf DAB+ zu wechseln. Gleichzeitig arbeiten wir mit Hochdruck daran, für DAB+ mindestens dieselbe Empfangsqualität wie für UKW zu garantieren. Bereits heute erreichen wir über 98 Prozent der Bevölkerung in der Schweiz. Und das DAB+ Netz wird in den nächsten 18 Monaten weiter ausgebaut.

Wie sieht es bei den DAB+ Radios aus?

Wichtig ist hier, dass Hersteller und Handel ihrer Kundschaft zukunftstaugliche Radiogeräte empfehlen. Momentan werden leider immer noch rund ein Drittel reine UKW-Radios verkauft.

Dafür haben wir im Autohandel gute Fortschritte gemacht: Bei zwei Drittel der Neuwagen zählt DAB+ zur Standardausrüstung. Und ein Fünftel der Neuwagenkäufer von Modellen ohne DAB+ Radio entscheidet sich für ein optionales DAB+ Paket. Das ergibt eine beachtliche Ausrüstungsquote von über 85 Prozent für Neuwagen.

Ihr Wunschtermin?

Die SRG wünscht sich einen möglichst frühen Umschalttermin, weil der parallele Betrieb der Radioprogramme auf UKW und DAB+ für alle kostet, für die SRG und für private Radioveranstalter. Letztere werden zwar für diesen Parallelbetrieb (Simulcastphase) vom Bund finanziell unterstützt, aber ab 2020 reduziert sich diese Finanzierung. Wir glauben auch nicht, dass es der Bevölkerung etwas bringt, den beschlossenen Umstieg lange hinauszuzögern. Letztendlich trägt sie ja die Kosten für den Simulcastbetrieb.

Existiert SRG-intern bereits ein Umstiegsszenario?

Nein, ein solches hängt – wie gesagt – vom Vorgehen der gesamten Branche ab. Ich erachte es jedoch persönlich als sinnvoll, wenn der Switch pro Region erfolgen würde und nicht pro Radioprogramm. Denn das wäre viel schwieriger zu bewerkstelligen.

Die SRG übernahm ja bei der Einführung von Digitalradio in der Schweiz bis Ende 2016 eine Lokomotivfunktion. Wie engagiert sie sich in Zukunft?

Technisch gesehen sind wir immer noch eine führende Kraft in diesem Technologiewandel, so bei der Versorgung der Bevölkerung mit dem DAB+ Signal. Was das Marketing betrifft, beteiligt sich die SRG an der vom Bund finanzierten DAB+ Kommunikationskampagne, welche die nächsten zwei Jahre laufen wird. Und zwar in Form von Leistungen: Sie stellt beispielsweise kostenlose Sendeplätze für die DAB+ Promotion zur Verfügung. Ihre eigenen DAB+ Kommunikationsmittel, die auf die nationale Kampagne abgestimmt sind, bezahlt sie selber.

Die SRG hat ihr HbbTV-Angebot optimiert. Weshalb ist HbbTV wichtig?

Einerseits konnten wir unseren Service für Sinnesbehinderte erheblich ausbauen. Andererseits bieten wir nun Funktionen an, die es heute für einen modernen TV-Konsum – auch auf dem Big Screen – braucht. So lösen wir etwa mit Livestreams das Problem der Gleichzeitigkeit von Sportereignissen. Programmüberschneidungen können wir in Zukunft auch abdecken, ohne einen zweiten Fernsehkanal mehr führen zu müssen. Am Tessiner Beispiel: Bei entsprechender Weiterentwicklung der Nutzerbedürfnisse überlegt sich die SRG, ab 2019 den zweiten TV-Kanal von RSI mit einem ergänzenden Angebot auf HbbTV und online zu ersetzen.

Konkurrenziert die SRG damit nicht das Infoangebot von anderen wie etwa von Swisscom TV?

Das glaube ich nicht. Unsere HbbTV-Inhalte sind exklusiv. Die Swisscom ist deshalb daran interessiert, sie zu ihren Konsumenten zu bringen. Sonst wäre Netflix ja auch ein Konkurrent.

Welche technologische Innovation steht bei der SRG als nächstes an?

Innovationstechnisch befinden wir uns laufend in der Beobachtungsphase. Heutzutage bewegt sich in der Medienlandschaft so vieles. Das reicht von Virtual Reality über 360-Grad-Kameras bis UHDTV1 (4K) und UHDTV2 (8K). Dabei experimentieren wir auch, führen Pilotprojekte durch. So sind wir bereit, wenn sich eine Technologie etabliert und von einer grösseren Benutzergruppe nachgefragt wird.

Marco Derighetti Direktor Operationen SRG, seit April 2011 Der 1967 geborene Tessiner wuchs in Muralto und Losone auf. 1991 schloss er an der ETH Zürich das Studium als Ingenieur der Elektrotechnik ab und 1993 das Nachdiplomstudium in Informationstechnik.

1998 promovierte er zum Dr. Tech. Wiss. ETH.
Von 1991 bis 1998 arbeitete Marco Derighetti als Assistent am Institut für Automatik an der ETH Zürich.

Von 1998 bis 2001 war er bei der Oerlikon Contraves AG als Entwicklungsingenieur in der Abteilung Feuerleittechnik-Radar tätig und von 2001 bis 2002 als Abteilungsleiter.

2002 wechselte er als Chief Technology Officer (CTO) und Leiter des Bereichs Media Technology zu Radiotelevisione svizzera (RSI).

Mandate: Verwaltungsrat technology and production center switzerland ag, Präsident Swiss TXT AG.

Publiziert von: Fachkommunikation Operationen